Plädoyer für die Dunkelheit

Die Tage werden kürzer und kürzer – wie jedes Jahr um diese Zeit. Viele Menschen beklagen sich jedoch über die zunehmende Dunkelheit. Es soll am besten immer Sommer sein, sonnig und heiter. Doch zum Glück kann der Mensch den Jahreslauf nicht steuern. Und schon seit Urzeiten ist dies der natürliche Kreislauf in unseren Breitengraden. Bald ist Wintersonnenwende und somit der Höhepunkt der Dunkelheit erreicht, und wie es der Name schon verrät, ist es ein Wendepunkt. Von da an gewinnt das Licht täglich ein paar Minuten hinzu. Doch bis zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche überwiegt die Dunkelheit. Es ist eben die dunklere Jahreshälfte, die ebenso ihre Berechtigung hat. Winterzeit lädt zu BeSINNung und Ruhe ein. Winterzeit ist ein Appell an die Langsamkeit und um sich auf das WESENtliche zu besinnen. Die Natur macht es vor; still ergibt sie sich der Kälte und dem Dunkel. Still in sich ruhend. Eine Fähigkeit, die Mensch sehr schwer fällt.

Die Dunkelheit ist sehr negativ besetzt und ruft in vielen Menschen eine Abwehrhaltung hervor. Aber warum? Warum hat das Licht einen soviel höheren Stellenwert als die Dunkelheit? Denn, vereinfacht gesagt, geht es immer um ein Gleichgewicht, auch zwischen Tag und Nacht.

Ich glaube, die Angst vor der Dunkelheit bzw. deren Unliebsamkeit ergründet sich in der Unsicherheit, die sie auslöst. Die Dunkelheit ist wie ein Brief, sie lebt von dem Verborgenen, dem Unsichtbaren, von dem was zwischen den Zeilen steht. Wie ein dunkler Schleier legt sie sich über alles, versteckt Details und verschluckt die Farben. Sie ist ähnlich dem Nebel, umhüllt, schließt ein, kriecht unter die Haut. Alles scheint verschwommen, nichts von Klarheit gezeichnet. Des Nachts ist alles nur schemenhaft und ungenau zu erkennen. Diese Unschärfe raubt manch einem die Orientierung und löst die Angst sich zu verirren aus, denn auch der Weg ist als solcher nicht immer leicht zu erkennen.

mondblumenzeit4Dieses Nichtsehen macht verletzlich(er), vieles bleibt ungesehen, unmerklich, anonym, schlummert im Geheimen. Doch wenn das Sehen nicht möglich, ist es zugleich auch eine Chance und Geschenk für unsere anderen Sinne, die ja oft schon recht verkümmert sind. Für die Sinne ist die Dunkelheit ein Lehrmeister, der sie sich entfalten lässt und zu mehr Achtsamkeit anregt. Intuition, Instinkt und Vertrauen sind gefragt. Die Dunkelheit zwingt zu Langsamkeit und Aufmerksamkeit. Zwei Eigenschaften, die in der heutigen Zeit und Gesellschaft beinahe Fremdworte geworden sind.

Nicht die Dunkelheit erschafft die Monster und Schattengestalten, sondern die eigene Unsicherheit. Das dunkle Nichts muss ausgefüllt werden, ein Nichts ist nicht akzeptabel, ist nicht greifbar, nicht fassbar – schon gar nicht für den Verstand. Die Fantasie wird beauftragt, entfacht und aufgehetzt den nicht definierbaren Raum zu füllen. Fantasiens Repertoire ist grenzenlos, aber auch im Schattenbereich.

Die Dunkelheit ist auch mit der Einsamkeit verbunden. Dadurch, dass die Dunkelheit das Ummichherum verschluckt und im Verborgenen hält, scheint es als ob ich allein wäre, verloren und abgeschnitten von den anderen. Ich glaube, dieses Gefühl gibt der Dunkelheit ihren größten negativen Aspekt. Doch die Dunkelheit bringt nichts zum Verschwinden, sie macht das, was da ist, unsichtbar und scheint es unter ihrem dunklen Mantel zu verstecken.

Die Dunkelheit ist der Anfang von allem. Jedes neue Leben hat seinen Ursprung in der Dunkelheit – ein Kind reift geborgen im Dunkel der Gebärmutter heran, eine Pflanze nimmt seinen Anfang im schützenden Dunkel der Erde, dort beginnt sie als erstes eine Pfahlwurzel in die Tiefe auszubilden und erst dann wächst sie auch himmelwärts und durchbricht die Erdoberfläche. Ein Raupe verwandelt sich im Dunkel ihrer Puppe oder Kokon zu einem Schmetterling. Und unser Planet wurde in der Dunkelheit des Kosmos geboren.

Die Dunkelheit ist wie eine Mutter, die alles gebärt. Und trotzdem wird sie nicht geschätzt. Ganz im Gegenteil, mit immer mehr künstlichen Lichtwelten soll die Dunkelheit vertrieben werden und die Nacht wird zum Tag gemacht. Wobei das aus meiner Sicht zweierlei Gründe hat. Zum Einen macht die Dunkelheit Angst. Zum Anderen wächst der Leistungsdruck in der Gesellschaft. Es darf keine Zeit verloren werden, denn Zeit ist Geld. Elektrisches Licht ist ein Riesenfortschritt und erleichtert vieles. Aber es wird auch gnadenlos verschwendet. Braucht es wirklich so viel Leuchtreklame? Braucht es um Weihnachten so viel kitschige Beleuchtung?

Die Dunkelheit gehört ebenso wie das Licht zum Leben. Es geht um Balance und Harmonie. Das Eine gibt es nicht ohne das andere. Und beides ist gleichermaßen für das Leben von Bedeutung. Der Tag schenkt Licht und Wärme, er schenkt Farben, Formen und Strukturen, er macht fast alles sichtbar. Doch der Blick himmelwärts wird entweder von Wolken oder dem Azurblau des Himmels und einer strahlenden Sonne begrenzt. Die Nacht dagegen beinhaltet den Zauber des kleinen Lichtes. Die Dunkelheit gestattet einen Blick ins Universum und lässt uns das weite MEHR erahnen.

Auch bei unserer Yoga-BeSINNungszeit zur Wintersonnenwende werden wir der Dunkelheit die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen wie dem Licht. Vielleicht möchtest auch Du Dir eine Auszeit von der vorweihnachtlichen Ruhelosigkeit nehmen und mit Yoga, Ritual und Meditation die wunderbare Qualität von Dunkelheit und Licht erspüren.

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